Mittwoch, 4. April 2012

Ist es hilfreich als Deutscher, Ex-Waffen-SS, zum Nahostkonflikt Stellung zu beziehen?

Deutscher war ja noch kein sonderliches Kennzeichen, unbedingt Nazi gewesen zu sein, in der Wehrmacht gewesen zu sein, schon eher, wenn auch noch immer nicht vollkommen. Wird doch zwischen Mitläufern und Überzeugungstätern und Fanatikern sowie Psychopathen unterschieden. Doch wievielen SS-Leuten würde man eigentlich glaubhaft abkaufen können oder abgekauft haben, kein Nazi gewesen zu sein? Hitlers Architekt Speer versuchte das Kunststück. Er wollte nach seiner Haftstrafe, die vielleicht nur knapp am Todesurteil vorbei ging, den Imagewechsel, hin zum "gutmütigen Nazi", der ja über die Gräuel "nicht genau informiert" war.

Es stellt sich die Frage, ob sich ein damaliger SS-Mann zum Nahostkonflikt äußern sollte. Günter Grass tut es. Und mit "äußern" ist in diesem Fall gemeint, auf sich aufmerksam zu machen, mit einem Gedicht als Literaturnobelpreisträger den Anspruch zu erheben, unbedingt etwas sagen zu müssen. Um nicht später das schlechte Gewissen zu haben, nichts gegen den sich angeblich anbahnenden Krieg Israels gegen den Iran gesagt zu haben. Dabei spricht Grass ja selbst von einem Problem seiner Herkunft, das ihn bislang dazu veranlasst habe, nicht kundzutun, was er so dringend loswerden möchte. Dass Grass' Gedicht in internationalen Zeitungen erscheint, deutet auf einen unbedingten Willen zur Einflussnahme, das Ruder noch mal rumzureißen, den Israelis in den Arm zu fallen und sozusagen die Pistole aus der Hand zu nehmen. Jedenfalls passt dies zur lyrisch vorgetragenen Wahrnehmung des Günter Grass.

Der Publizist Henryk M. Broder nannte den Schriftsteller in einem Beitrag für Welt einen "Prototypen des gebildeten Antisemiten".


Günter Grass war 17 Jahre alt, als er zur 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ der Waffen-SS einberufen wurde. Knapp sechs Monate dauerte sein Kampfeinsatz. Zu diesen Erlebnissen schwieg er fast 60 Jahre lang. Erst 2006 bekannte sich der mittlerweile gefeierte Schriftsteller zu seiner Vergangenheit.

Diesen Umstand nutzt Publizist Henyrk M. Broder nun zu einer scharfen Replik auf Grass´ Meinung zu Israel. „Jetzt im fortgeschrittenen Alter“ scheine sich Grass seiner nationalsozialistischen Ursprünge wieder zu entsinnen, hämte Border am Mittwoch in einem Interview im Saarländischen Rundfunk. Das am gleichen Tag in mehreren Tageszeitungen erschienene Anti-Israel-Gedicht sei eindeutig: „Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer.“

Doch vielleicht haben wir es nicht mit einem verwirrten alten Mann zu tun, der sich zu wichtig nimmt und die Wirkung seiner Worte falsch einschätzt. Oder nicht nur damit. Vielleicht haben wir es mit einem Menschen zu tun, der hart kalkuliert hat, die reflexartigen Reaktionen auf seine Behauptungen vorher kannte, provozieren wollte. Grass wollte womöglich den Knopf drücken, den Reiz abgeben, auf den der Vorwurf des Antisemitismus folgt. Um lachend und Pfeife rauchend zuzusehen, wie sich die üblichen Leute mit ihm abmühen und ihn verreißen. Das hätte dann etwas, wie soll man es nennen, Linkspopulistisches.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte «Spiegel Online», angesichts der Lage im Nahen Osten empfinde sie das Gedicht als «irritierend und unangemessen». Dagegen stellte sich die Linke hinter den Schriftsteller. Grass habe den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen worden sei, erklärte Linken-Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrcke.


Vielleicht, und das ist ebenso reine Unterstellung wie vieles, das Israel unterstellt wird, möchte Grass zu einer weiteren Abstumpfung des Schwertes "Antisemitismus-Vorwurf" beitragen - und zugleich den Faktencheck zu seinen Äußerungen meiden. Ein Künstler ist vielleicht ein guter Politiker aber noch lange kein Politologe und noch längst kein Historiker. Ein Geschichtenerzähler und Dichter ist zuerst einmal das. Doch die Gefühle, die er bedient, die Haltungen, sie sind so real wie historische Fakten.

Und zu diesen Emotionen und Haltungen gehört eben auch das Empfinden, der Iran werde ungerecht behandelt, weil doch Israel (und die USA) auch über Atomwaffen verfügt. Dass es bei der Weiterverbreitung nicht um Gerechtigkeit bzw. Gleichheit geht, sondern eben genau darum, die Weiterverbreitung von Atomwaffen einzudämmen und Transparenz herzustellen, ignoriert der Ansatz genauso wie die antiisraelische und antisemitische Rhetorik, die aus Teheran zum Thema Nahost-Konflikt zu vernehmen ist.

Der Kalte Krieg konnte auch deshalb beendet werden, weil die Kontrahenten aufeinander zugehen konnten, etwas hatten, über das sie verhandeln, Kompromisse eingehen konnten. Im Fall des Iran möchte dieser bislang eher auf Zeit spielen und anscheinend ja nicht auf eine atomare Bewaffnung verzichten, durch die sich Israel bedroht fühlt. Gefährlich ist, dass man gerade nicht miteinander redet, keinen direkten Kontakt zu den USA und Israel hat.

Für die zivile Nutzung bräuchte man nicht die vielen Zentrifugen, die man für die höhere Anreicherung zum Bau der Atombombe benötigt. Die Vorgänge müssen hunderte oder tausende Male wiederholt werden, um den hohen Anreicherungsgrad zu gewährleisten. Technische Feinheiten, mit denen sich ein Künstler nicht abgeben muss. Davon, Israels Existenz nicht zu wünschen, rückt das iranische Regime ebenfalls nicht ab. Schwierig, da einen wünschenswerten diplomatischen Ansatz zu finden - vielleicht trotzdem nicht unmöglich.

Nur sollte man das, damit es glaubwürdig ist und etwas bringt, den Staaten und Einzelpersonen überlassen, die mit der historischen Last des Holocaust nicht so schwer zu tragen haben. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Grass tatsächlich glaubt, im Alleingang und mit dem Hintergrund die Israelis von irgendetwas abhalten oder irgendwie umstimmen zu können - oder auch nur für andere eine Motivation zu sein, dies zu tun. Zwar ist der Zweite Weltkrieg nun schon recht lange her, doch vergessen ist er keineswegs. Selbst als Joseph Ratzinger Papst wurde, erinnerten sich einige an seine Jugend und sprachen vom "Hitlerjungen", der Papst wurde. Auch auf dem Balkan oder in Afrika, wo sich Menschen abgeschlachtet haben, kann es sein, dass die jeweilige Sache in 100 Jahren noch nicht vergessen ist - wie kann man da so tun, als solle der Holocaust keine Rolle mehr spielen, gerade auch im Nahostkonflikt? Nur dann könnte man die Aussagen eines Deutschen genauso gewichten wie die jedes anderen.

Warum fällt es anderen Deutschen, die nun gerade nicht wie Benedikt XVI. den Himmel repräsentieren, so schwer, einfach zu einem Thema die Klappe zu halten, bei dem ihre Bemerkungen nicht hilfreich sind? Warum fühlt sich der Deutsche unterdrückt, wenn nun gerade er es nicht sein soll, der die Welt retten kann? Warum diese Überzeugung, alles werde in die Hose gehen, wenn man es die anderen machen lässt? Ist das tatsächlich die Lehre aus unserer Geschichte? Oder war das nicht doch ein bisschen anders...?!

http://www.rp-online.de/politik/ausland/israel-attackiert-guenter-grass-scharf-1.2780921

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106156211/Guenter-Grass-seltsames-Verhaeltnis-zu-den-Fakten.html

Kommentare:

  1. 1) Der kämpfende Pazifist, der sich der Größe seiner Aufgabe bewusst ist, wird keinen Unterschied machen zwischen Bürger- und Völkerkrieg, zwischen äußeren und inneren Feinden. Für ihn gibt es nur einen Krieg, nur einen Frieden. Mit gleicher Macht erstrebt er den Frieden nach innen wie nach außen.

    2) Der Pazifist, der tiefer in die Beweggründe der Kriege schaut, geht noch einen Schritt weiter in der Beurteilung des Bürger- und Völkerfriedens und sagt, der Kriegsgeist, der Geist der Gewalt, ist ein Kind des chronischen bürgerlichen Kriegszustandes, der die Eingeweide aller Kulturvölker zerreißt. Wer diesen Geist bekämpfen will, muss ihn in erster Linie als Bürger im eigenen Lande bekämpfen. Der Weg zum Völkerfrieden geht über den Weg des Bürgerfriedens und nicht umgekehrt.

    3) Das, was die Völker und Volksklassen in Waffen gegeneinander treibt und immer getrieben hat, sind Dinge wirtschaftlicher Natur, die Notzustände schaffen oder vorherrschen lassen, und für diese Zustände gilt das Gesetz: NOT KENNT KEIN GEBOT. Die Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Verfassungen, Verträge und Bündnisse und setzt sich über alle moralischen, ethischen und religiösen Hemmungen hinweg. Nichts ist schließlich der Not heilig als der Kampf gegen ihre Ursachen.

    4) Auf die Beseitigung solcher Notzustände hat also der ernsthafte Friedenskämpfer sein Augenmerk zu richten, unbeschadet seiner etwaigen Überzeugung, dass der Frieden oder wenigstens der Friedenswunsch mit moralischen, religiösen und ethischen Mitteln auch noch gefordert werden könne.

    5) Der Notzustand, der zu den Kriegen treibt, hat wenigstens bei den heutigen Industrie- und Handelsvölkern seinen Grund nicht in einem naturgegebenen Mangel an Industrie- und Nährstoffen, sondern in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, die die Produktion und den Austausch beherrschen und die Arbeit tributpflichtig machen, wobei der Umstand noch erschwerend wirkt, dass zur Sicherung dieses Tributes der Produktion und dem Tausch Hemmungen bereitet werden müssen, die zu Krisen und Arbeitslosigkeit führen. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, um die es sich da handelt, sind das Privateigentum an Grund und Boden und das herkömmliche, aus dem Altertum in unveränderter Gestalt von uns übernommene Geldwesen, dessen Mängel immer offensichtlicher geworden sind. Grund- und Geldbesitzer fordern Zins, sonst sperren sie der Produktion den Boden und dem Austausch der Produkte das Geld. Dieser Zins überträgt sich automatisch auf das gesamte Wirtschaftsleben und schafft das, was als Kapitalismus bezeichnet wird.

    Silvio Gesell (Stabilisierung des Bürger- und Völkerfriedens, 1928)

    Ein geistiger Tiefflieger wie Günter Grass wird das wohl bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen.

    http://www.deweles.de/intro.html

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  2. @Stefan Wehmeier

    Es gibt viele Facetten, die dazu beitragen, dass Menschen in Frieden miteinander und nebeneinander leben können und eben auch vieles, das dazu führt, eine friedliche Koexistenz unwahrscheinlich zu machen. Das wird in Schlagworten wie Kultur, Religion, Demokratie, Freiheit, Chancen, Abhängigkeit, Wohlstand und Armut zusammengefasst, wobei natürlich nicht mehr dem einzelnen Menschen Rechnung getragen wird. Gerade zum Punkt 5), den Sie zitieren, würde ich noch die Perspektive hinzufügen, die Einzelne und ganze Völker haben. Aufgrund ihrer Beziehungen, des Konkurrenzkampfes mit anderen, des Handels mit anderen u.s.w. gibt es Handlungsoptionen. Dazu gehört aber auch vieles, das nicht möglich erscheint. Z.B. derzeit gute Beziehungen zwischen dem Iran und auf der anderen Seite Israel und den USA... In der Gesellschaft hat z.B. jemand, der keinen Beruf gelernt hat, bestimmte Möglichkeiten offen, aber andere Türen sind ihm verschlossen. Vielleicht kann er noch einen Beruf lernen, manche Türen bleiben aber verschlossen. Und so würde ich auch die Beziehungen zwischen Ländern begreifen, als Sammlung von Möglichkeiten und Chancen, aber eben auch von Dingen, die unwahrscheinlich bleiben. Und da heißt es z.B., dass eine junge Generation, v.a. viele junge Männer ohne Perspektive Krieg wahrscheinlicher macht. Was Grass wohl unberücksichtigt lässt, das sind die vielen Stellschrauben, die vielen Abzweigungen, die man vorher genommen hat, bevor es überhaupt zu Krieg kommt, die vielen Dinge, die den Weg bereiten ohne direkt das Ziel erkennbar werden zu lassen.

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  3. @ NUB

    Es gibt nur eine Ursache für Krieg...

    http://www.deweles.de/files/apfelbaeumchen.pdf

    ...und nur eine Möglichkeit für den Weltfrieden:

    http://www.deweles.de/files/6g9u.pdf

    Sie müssen das nicht auf Anhieb verstehen; es bedarf eines längeren Erkenntnisprozesses.

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  4. Ihre zweite Datei kann ich nicht öffnen. Jetzt laufe ich Gefahr, die Möglichkeit für den Weltfrieden nicht zu entdecken.

    Da ich die Datei noch nicht kenne, sage ich mal das Ergebnis meines bisherigen Erkenntnisprozesses: Es wird keinen Weltfrieden in dem Sinne geben, weil dieser sozusagen Stillstand wäre. Da wo Mensch sich bewegt, verursacht er auch Chaos und nicht nur Gutes, sondern auch Böses. Das hat er immer schon gemacht. Zum Glück denken nicht alle gleich und sind nicht gleich, daher bleibt es immer spannend und mitunter konfliktgeladen. Frieden als Abwesenheit von Krieg ist natürlich möglich, schlimme Kriege benötigt die Menschheit im Grunde keine. Nur absoluten Frieden, das was man so Weltfrieden nennt... Aber ich habe die Datei ja noch nicht geöffnet.

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  5. Update: Jetzt konnte ich die Datei öffnen.

    Daraus:

    "Jesus von Nazareth war das größte Genie aller Zeiten. Er entdeckte als erster Denker die
    einzige Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: das
    Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit als Basis für die ideale Gesellschaft!"

    Auf der anderen Seite:

    "verfügt der unbewusste
    Kulturmensch (Adam) über eine selektive geistige Blindheit
    (religiöse Verblendung) gegenüber dem Privatkapitalismus
    (Erbsünde). Die Programmierung des kollektiv Unbewussten mit
    dem künstlichen Archetyp Jahwe = Investor war erforderlich, um
    einigermaßen angstfrei in einer fehlerhaften Makroökonomie
    überleben zu können, in der der Krieg der Vater aller Dinge war
    – bis zur Erfindung der Atombombe."

    Damit zeigen Sie ja auf, dass Religion den Menschen beeinflussen kann. Es bedarf nun gerade des Einflusses, der Ihrer Meinung nach sinnvoll wäre. Doch es gibt viele Religionen und Ideologien... Und wenn es jemandem tatsächlich gelingt, die Autorität (im positiven Sinne) zu erlangen, die notwendig ist, andere auf einen besseren Weg zu bringen, dann kann man diesen Menschen ja immer noch diffamieren oder umbringen.

    Ich bin nicht für freiheitliche und demokratische Gesellschaften, weil ich denke, dass der Mensch gut ist, sondern weil ich weiß, dass er sowohl gut als auch böse ist - und folglich immer Wachsamkeit da sein muss, Korrektive und Eingreifmöglichkeiten bestehen müssen, die Mächtige wenn nötig zurecht weisen und Gerechtigkeit wieder herstellen, aber auch um Diktatur zu verhindern. Momentan gehe ich mehr vom Ziel einer Schadensminimierung aus als von der idealen Gesellschaft.

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